
Enthüllt der Krieg in der Ukraine ein neues Umweltverbrechen gegen die Landwirtschaft?
Die massive Zerstörung von Ackerland in der Ukraine seit Beginn der russischen Invasion wirft eine beispiellose Frage auf: Wie benennt und sanktioniert man die vorsätzliche Verwüstung der Systeme, die uns ernähren? Forscher schlagen den Begriff Agrozid vor, um dieses Phänomen zu beschreiben, bei dem der Krieg sich nicht damit begnügt, Städte oder Wälder zu verwüsten, sondern direkt Böden, Ernten und die für die globale Nahrungsmittelproduktion essenziellen Infrastrukturen angreift.
Die Ukraine, die Kornkammer Europas, beherbergt einige der fruchtbarsten Böden des Planeten, die Tschernosjome. Dennoch ist heute fast ein Drittel ihres Territoriums durch Minen und nicht explodierte Granaten kontaminiert, während Schwermetalle aus den Bombardements die Böden vergiften. Der Anbau von Weizen, Gerste und Mais ist innerhalb eines Jahres um fast 30 % eingebrochen, und einzigartige Saatgutreserven, wie die des Nationalen Zentrums für pflanzengenetische Ressourcen in Charkiw, wurden zerstört. Gezielte Angriffe auf Getreidesilos, Bewässerungssysteme und Wasserreservoirs, wie die Zerstörung des Kachowka-Staudamms, verschärfen die Krise zusätzlich. Diese Handlungen bedrohen nicht nur die ukrainische Wirtschaft, sondern die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen, weit über die Grenzen des Landes hinaus.
Die aktuellen Gesetze, ob ukrainisch oder international, ermöglichen jedoch keine spezifische Verurteilung dieser Zerstörungen. Umweltkriegsverbrechen existieren zwar, konzentrieren sich aber auf allgemeine Schäden an der Natur, ohne die Landwirtschaft als schützenswertes Ökosystem anzuerkennen. Das Konzept des Ökozids – der massiven Zerstörung der Umwelt – reicht nicht aus, da es die menschlichen und sozialen Folgen einer provozierten Hungersnot nicht abdeckt. Der Agrozid würde diese rechtliche Lücke schließen, indem er die Zerstörung von Böden, Ernten, Viehzucht und landwirtschaftlichem Know-how sowie die daraus resultierenden Störungen der Lieferketten ins Visier nimmt.
Die Autoren der Studie betonen, dass dieses Verbrechen nicht auf die Ukraine beschränkt ist. In Syrien zum Beispiel haben verminte Felder und zerstörte landwirtschaftliche Infrastrukturen ebenfalls ganze Bevölkerungsgruppen in Ernährungsunsicherheit gestürzt. Doch die Ukraine bietet einen paradigmatischen Fall: Hier sind nicht nur Fabriken oder Straßen das Ziel, sondern das Herzstück der Lebensmittelproduktion selbst. Die besetzten Gebiete werden unbebaubar, Landwirte leiden unter Arbeitskräftemangel aufgrund von Mobilmachung und Exodus, und die Logistikkosten explodieren, was Exporte fast unmöglich macht. Naturschutzgebiete wie Askania Nova brennen unter Beschuss, während ganze Regionen, einst Exporteure, von der Welt abgeschnitten sind.
Angesichts dieser Realität entstehen konkrete Vorschläge. In der Ukraine schlagen Juristen vor, dem Strafgesetzbuch einen spezifischen Artikel zur Bestrafung von Agrozid hinzuzufügen, neben dem bereits anerkannten Ökozid. Sie empfehlen auch, die Gesetze zum Schutz der Böden zu stärken, indem Maßnahmen zur Minenräumung, Bioremediation und finanzielle Unterstützung für Landwirte integriert werden. Versicherungsmechanismen gegen Kriegsrisiken und steuerliche Vorzugszonen in den befreiten Gebieten könnten helfen, die Produktion wieder anzukurbeln.
Die Herausforderung geht über den ukrainischen Rahmen hinaus. Wenn die internationale Gemeinschaft diese Art der Zerstörung nicht als eigenständiges Verbrechen anerkennt, könnten die Verantwortlichen jeder Strafe entgehen. Schlimmer noch: Nichts würde verhindern, dass sich diese Strategien, die Hunger als Waffe einsetzen, anderswo wiederholen. Agrozid ist nicht nur ein neues Wort – es ist ein Aufruf, das zu schützen, was uns heute und morgen ernährt. Ohne angemessenen rechtlichen Rahmen bleiben fruchtbare Böden stille Ziele und Hungersnöte akzeptierte Folgen von Konflikten.
Mentions des sources
Publication citée
DOI : https://doi.org/10.53941/eesus.2026.100008
Titre : Introducing “Agriecocide”: Framing War-Related Agricultural Destruction in Ukraine
Revue : Earth: Environmental Sustainability
Éditeur : Scilight Press Pty Ltd
Auteurs : Paulo Pereira; Rinata Kazak; Tetiana Kurman